Von Thorsten Weiland
In einem Teil der Segelgemeinde wurde die Seite bereits jubelnd begrüßt: freenauticalchart.net, ein Anbieter, der kostenlos Seekarten im Internet und als App nutzbar zur Verfügung stellt. Auf der Grundlage öffentlich zugänglicher Daten des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie sowie niederländischer öffentlicher Daten stellt Physiker Adam Lucke aus Potsdam Seekarten ins Netz. Ist das die Kosten-Revolution im Seekartenwesen für die Freizeitschifffahrt – und kann das legal sein?
So ganz revolutionär ist es nicht: Während die Kartenverlage gegen Lizenzgebühren ENCs, also Electronic Nautical Charts, beim BSH beziehen, die internationalen Richtlinien und Konventionen entsprechen, verarbeitet Freenauticalchart solche Daten, die für uns alle – mit etwas Suchen – frei zugänglich sind. Der Anbieter behauptet auch gar nichts anderes. Die spannende Frage ist, wie sich diese Daten unterscheiden. Nach dem Geodatenzugangsgesetz stellt das BSH für unterschiedlichste Verwendungen Daten frei zugänglich online. Aus dem Gesetz ergibt sich aber nicht die Pflicht, sämtliche aufbereiteten Daten, wie man sie für Seekarten braucht, zum allgemeinen Gebrauch kostenlos zu veröffentlichen. Thomas Dehling, Abteilungsleiter nautische Hydrographie, sieht darin auch einen Sicherheitsaspekt, denn die Lizenzvereinbarungen mit Kartenverlagen stellen sicher, dass die Produkte den Anforderungen an aktuelle Seekarten entsprechen. Das gilt nicht zuletzt für die Auswahl und Darstellung von Tiefenangaben. Diese sind auch nicht (mehr) in einem Detaillierungsgrad öffentlich verfügbar, wie man sie für die Navigation braucht. Denn der Bund fordert vom BSH, für solche Daten marktgerechte Preise zu erlösen.
Abgesehen von den BSH-Ausgangsdaten: Für Seglerinnen und Segler ist viel spannender, wie sich denn nun die fertigen Produkte unterscheiden. Physiker Lucke von freenauticalchart schreibt in den unübersehbaren Warnhinweisen zu seinen Karten ausdrücklich: „freenauticalchart ist ein Open-Source- und Open-Data-Projekt, das kostenlose, gebrauchsfertige Seekarten für Segler, Wasser- und Kartografie-Enthusiasten sowie Entwickler bereitstellt. Es hat zum Ziel, amtliche Kartendaten leicht zugänglich und praktisch nutzbar zu machen. Es basiert auf amtlichen Daten, die als Open Data verfügbar sind. Das BSH stellt keine aktuellen Einzellotungen mehr zur Verfügung! Die in der Karte dargestellten Werte wurden einem älteren Datensatz entnommen“, und weiter: „Die zur Verfügung gestellten Karten dienen nur zu Informations- und Referenzzwecken. Sie sind nicht für die Navigation gedacht. Verwendung auf eigene Gefahr! Sie sind nicht für die Navigation, den offiziellen Schiffsbetrieb oder andere Aktivitäten gedacht, die präzise geografische und hydrografische Daten erfordern. Benutzer sollten offizielle Quellen, wie z. B. Regierungsbehörden oder zertifizierte Navigationsanbieter, für maßgebliche und aktuelle Navigationsinformationen konsultieren. Es wird keine Garantie, weder ausdrücklich noch stillschweigend, für die Genauigkeit, Zuverlässigkeit oder Vollständigkeit der bereitgestellten Karten gegeben. Der Anbieter übernimmt keine Verantwortung oder Haftung für etwaige Fehler, Auslassungen oder den Missbrauch dieser Informationen.“ Außerdem gibt es folgenden Hinweis: „Punktlotungen werden nicht mehr auf dem Server des BSH bereitgestellt. Die Punktlotungen im deutschen Teil der Karte stammen aus diesem Bathymetrie-Datensatz [mit Link], der relativ grob und veraltet ist. Für genaue und aktuelle Tiefenangaben verwenden Sie bitte offizielle Seekarten.“ Diese Hinweise müssten eigentlich ausreichen um klar zu machen: Für die Verwendung zur Navigation auf See sind die Karten nicht geeignet. Sie zu verwenden, wäre keine gute Seemannschaft.
Aber was bedeutet eigentlich, dass die „Einzel- oder Punktlotungen“ fehlen? Bei der Bezeichnung Einzellotungen, die aus einem älteren Datensatz stammen, sind tatsächlich alle Tiefenzahlen der Seekarten gemeint. Genaue Angaben zu den Tiefen beziehen sich hier also auf einen älteren Datensatz und werden nicht aktualisiert.
Bei Verlagen und bei den BSH Karten werden diese Angaben laufend aus neuen Peildaten aktualisiert. So wird ermittelt, mit welchem Tiefgang hier in den neuen Vermessungen navigiert werden kann und welche Sandbänke und Hindernisse sich wie verschoben haben. Das ist ein kontinuierlicher Prozess, der viel manuelle Arbeit und Fachkenntnis erfordert. Anhand der Vermessungsdaten wird der genaue Verlauf des Fahrwassers auf die jeweils geringste Tiefe geprüft und die jeweils für die Navigation besonders relevante Zahl für die Darstellung ausgewählt. Typische Fragen liegen dabei oft im Detail: Man denke an ein Fahrwasser, das am Rand zunehmend flacher wird und bei dem zugleich quer über die Fahrrinne eine Barre verläuft, deren Lage oder Ausprägung sich in den neuen Daten verändert hat. Welche Wassertiefe soll in der Karte dann für die Navigation angegeben werden? Und wie lässt sich diese Angabe so darstellen, dass sie für den Nutzer auf einen Blick verständlich bleibt?
Genau solche Fragen gehören zur redaktionellen und kartographischen Arbeit. Hinzu kommt die redaktionelle Aufbereitung von Navigationshinweisen, Hafeninformationen und vielen weiteren Details, die für Wassersportler in der Praxis entscheidend sind. Einige Kartenanbieter, darunter auch NV Charts, betreiben darüber hinaus eigene Recherchen vor Ort. Hier fließen zusätzlich eigene Lotungen sowie Peildaten weiterer Anbieter ein, etwa von Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen oder Hafenbetreibern. Solche Informationen sind in BSH-Daten oder bei anderen amtlichen Kartenanbietern andere Länder oft nicht enthalten. Das muss kein Qualitätsnachteil amtlicher Karten sein. Sie setzen andere Schwerpunkte, nämlich stärker auf Anforderungen der Berufsschifffahrt. Für viele Wassersportler sind jedoch andere Informationen wichtig, etwa solche zu Hafeneinfahrten, Nebenfahrwassern oder reviertypischen Besonderheiten. Das findet bei den Kartenverlagen sogar Niederschlag in den ebenfalls kostenlosen Karten in Planungs-Apps, zum Beispiel bei der Web App von NV Charts: Wer sich dort etwa den Hafen von Spiekeroog ansieht, findet Tiefenangaben. In freenauticalcharts fehlen sie. Der Verlag bietet auch schon länger kostenlose Planungskarten online. Und das nicht nur für das deutsche und Teile des niederländischen Seegebiets wie bei freenauticalcharts, sondern weit darüber hinaus: Von der Ostsee bis in die Karibik und in das Mittelmeer kann man da munter planen mit den aktuellsten jeweils veröffentlichen Seekarten.
Fazit: Freenauticalchart macht öffentliche BSH-Daten leicht zugänglich und bietet sehr komfortable Planungs- und Ausbildungstools einschließlich Peilungen. Die Einbindung von Tidenströmen ist sehr hilfreich und die Karten können mit Bezugsrahmen ausgedruckt werden. Wer die Copyshop-Kosten für Ausdrucke auf ordentlichem Papier einrechnet, merkt bald, dass hier kaum Geld zu sparen ist. Angesichts der Haftungsausschlüsse und vor allem der Aktualitätsvorbehalte bei Lotungen dürften die Karten jedoch wohl weder die Wasserschutzpolizei bei Kontrollen, noch Versicherungen bei Schäden davon überzeugen, dass aktuelle Seekarten an Bord waren, sofern ein Skipper nur auf freenauticalcharts setzt. Das Angebot ist eben keine Seekarte im erforderlichen Sinne.